Freizeit für Alleinerziehend
Ich bin alleinerziehend – wann habe ich denn mal Freizeit?
Ganz ehrlich: schwieriges Thema. Eltern haben wenig Freizeit, Alleinerziehende oft noch weniger. Im Internet finde ich tolle Tipps wie Yoga oder Tai Chi zur Entspannung. Klingt gut – aber wann bitte genau? In den sieben Minuten morgens allein? Oder abends, wenn erst Betreuung organisiert werden muss?
Denn so sieht doch der Alltag oft aus: Freizeit kostet Planung, Geld und Energie. Und wer nach dem Yogakurs gehetzt nach Hause muss, merkt schnell, dass die Entspannung nicht lange hält.
Natürlich sind ein freier Abend für Dich und Dein Hobby schön. Aber zum Durchhalten reicht das selten. Du brauchst kleine Pausen im Alltag – und zwar jeden Tag.
Freizeit als Alleinerziehende geht –
auch realistisch
Aus Erfahrung kann ich sagen: Es geht!
Leg los:
Schritt 1: Erwartungen runterschrauben
Schritt 2: Zeitfresser minimieren
Schritt 3: Alltag vereinfachen
Schritt 4: Delegieren – die Aufgaben weiterreichen
Schritt 5: Zeitfenster finden nur für Dich!
Schritt 6: Alte Hobbies klein beginnen
Schritt 7: Freizeit mit den Kindern zusammen
Schritt 1: Erwartungen runterschrauben
Besonders mit kleinen Kinder sind 90 Minuten Freizeit am Stück Luxus. Realistischer ist mal eine halbe Stunde tagsüber. Oder abends nach Bettzeit etwas länger.
Vermeide es, Deine (fehlende) Freizeit mit der Deines früheren kinderlosen Lebens zu vergleichen. Suche Dir einen Vergleich, der Dir gut tut – z.B. zu Deinem Ein-Eltern-Leben, als die Kinder noch kleiner waren. Je älter die Kinder, desto einfacher findest Du Freizeit für Dich.
Und wenn Deine kinderlosen FreundInnen Dein Freizeitkontingent nicht verstehen: Erkläre es ihnen nochmals. Und lade sie zum Anschauungsunterricht zum Abendessen ein. Zur Feier des Tages kochen die Gäste.
LINk zu Beitrag Für nicht alleinerziehende Freunde
Schritt 2: Zeitfresser minimieren
Zeitfresser sind Dinge (oder Leute), die Dir häufig Zeit rauben, ohne dass Du es überhaupt merkst. Und danach auf die Uhr schaust und denkst, „schon so spät“? Und erholt bist Du danach auch nicht.
Hand aufs Herz: Wenn Dich morgen jemand fragen würde, was Du heute gemacht hast – wirst Du antworten: „Ich habe abends um 9 über eine Stunde auf Amazon/imgur/whatsapp rumgesurft und es war richtig toll“?
Deine wenige freie Zeit als AlleinerziehendeR ist wertvoll. Du bist die Person, die diesen Schatz hütet.
Mach was draus!
Was sind Deine persönlichen Zeitfresser?
An Schlaf sparen, damit Du mehr schaffst? Besser nicht!
Schlaf ist der Superjoker für Deine körperliche und geistige Gesundheit.
Im Schlaf erneuert sich der Körper, Verletzungen heilen, Dein Geist „räumt sich auf“. Zusammenhänge aus dem Kurzzeitgedächtnis werden ins Langzeitgedächtnis „geschrieben“, Dein Hormonhaushalt reguliert sich. Deine Laune ist besser, Du bist geduldiger. Und das Beste: Schlaf ist völlig kostenlos.
Schlaf ist für Kinder und deren wachsende Gehirne und Körper auch enorm wichtig – und Kinder lernen am meisten durch Nachahmung. Heißt: Wenn Du Deinen Kindern vorlebst, dass Schlaf gut und wichtig ist, hat es auch für die Entwicklung und späteren Schlafgewohnheiten Deiner Kinder positive Folgen.
Wenn Du zu wenig schläfst:
- bist Du körperlich weniger leistungsfähig
- bist Du geistig weniger konzentriert, verlierst eher den Überblick und triffst schlechtere Entscheidungen.
- ist Deine Laune schlechter und Du bist leichter gereizt.
- Außerdem ist Deine Empathiefähigkeit vermindert – was das heißt? Ganz einfach: Du bemerkst und verstehst die Gefühle anderer Menschen, allen voran Deines Kindes schlechter.
Ganz klar: Das führt zu mehr Konflikten – genau das, was Du an einem müden Tag einfach nicht gebrauchen kannst.
Schlaf ist das einzige kostenlose Mittel für Spaß, Gesundheit und nebenbei auch noch Schönheit. Und völlig ohne Nebenwirkungen.
Na dann gute Nacht.
Schritt 3: Alltag vereinfachen
Nächster Schritt: Vereinfache Deinen Alltag.
Meine Empfehlung: Fang bei den Themen und Aufgaben an, die immer wiederkehren. Vor allem Haushalt – Wäsche, einkaufen, kochen, putzen; vielleicht auch Tierpflege, Kindergartenfahrten etc. pp.?
Fang damit an, was Dich am meisten Zeit kostet oder nervt. (Warum das sinnvoll ist, erklärt auch die 80/20-Regel.)
Folgende Fragen können Dir beim Nachdenken helfen:
- Wie machen das andere Leute, kann ich mir was abgucken?
Beispiele aus anderen Familien nehmen: Wie läuft das in anderen Ein-Eltern-Familien – oder in anderen Familien mit vielen Kindern? - Mach ich das so, weil ich es so will oder nur weil ich annehme, dass man das „eben so macht“?
Beispiel: Kochen und Essen. Muss eine Mahlzeit wirklich aus min. Fleisch und zwei Beilagen und Soße bestehen? (So wie es bei Oma immer war…) Oder reichen an stressigen Tagen eigentlich auch Nudeln, Olivenöl und frische Tomate oben drauf? - Muss das echt so bleiben? Was würde schlimmstenfalls passieren, wenn ich es ändern würde? Oder kann ich es zeitweise verändern?
Beispiel Kindergarten-Bringen: Dein Kind möchte gerne von Dir hineinbegleitet, ausgezogen und genüsslich verabschiedet werden. Aber muss das so sein? Ist das nicht eine Gewohnheit, die von der Eingewöhnung geblieben ist? Was spricht denn gegen eine liebevolle Verabschiedung an der Tür?
Vereinfachen heißt in vielen Fällen: Weglassen.
Hier eine Liste von Dingen, die ich (meist) einfach weglasse:
- Wäsche trennen, falten oder bügeln.
- Soßen kochen.
- Kinderhaare kämmen.
- Fingernägel lackieren.
- Sorgen um „ungelegte Eier“ machen, die außerhalb meiner Einflussnahme sind.
- Etwas perfekt erledigen. Denn Perfektionismus ist der Endgegner.
Vereinfachen bedeutet auch: Finde eine gute Routine dafür.
Gute Kandidaten für Routinen sind:
- Wäsche(waschtage)
- Putzplan
- Essensplanung
- Sonnencreme auftragen
- Aufräumen
- Bewegen und Sport machen
Was lässt Du nächste Woche versuchsweise weg?
Wofür hast Du gute Routinen?
Schritt 4: Delegieren – die Aufgaben weiterreichen
Leider bleibt nach dem Vereinfachen noch viel Arbeit im Alltag übrig. Viel davon kannst Du delegieren – also an Andere weitergeben zur Erledigung. Herrlich!
Du kannst delegieren an:
- andere bekannte Menschen, inklusive Deiner Kinder und ExpartnerIn
- Maschinen und Technik! (mein Favorit)
- unbekannte Menschen, sprich Firmen, Dienstleister etc.
Delegieren geht nicht nur horizontal oder „nach unten“, also durch um Hilfe bitten oder an Menschen, die Dir zuzuhören haben (Kinder, Lieferservice etc.). Sondern auch „nach oben“.
„Nach oben“-delegieren oder die Aufgabe zurückgeben, dahin wo sie herkam, ist fast noch besser:
- an die Chefin im Job: „Dafür bin ich nicht eingestellt“, „mir fehlen die Ressourcen“…
- an das Finanzamt: „Bitte erläutern Sie mir die Nachforderung.“
- sogar an den Kindergarten:
Als mal wieder Unterschriften von mir und dem Kindsvater wegen irgendeiner organisatorischen Kleinigkeit nötig waren, habe ich es einfach zurückgegeben: „Für mich ist es zu viel Stress, die Unterschrift einzuholen. Ich finde es nicht nötig, ich habe bereits unterschrieben. Wenn für Sie beide Unterschriften wichtig sind, sprechen Sie ihn bitte selber drauf an.“ Und zack habe ich mich nicht mehr verantwortlich gefühlt. Ein bisschen weniger mental load.
Was könntest Du nächste Woche delegieren?
Schritt 5: Zeitfenster finden nur für Dich
Super, Du hast vereinfacht und delegiert. Kein Doomscrolling mehr – aber welche Zeit bleibt denn übrig, die Du für Dich selber nutzen könntest?
Hier kommen Vorschläge von kleinen Zeitfenstern:
- Zeit, die Du für Tätigkeiten aufgewendet hast, die Du delegieren kannst (an Menschen, an Maschinen, an die Kinder, an den Chef)
- Die „fremdbestimmt vertrödelte“ Zeit wie Meetings im Homeoffice, an denen Du keinen aktiven Anteil hast, Zeit im Arztwartezimmer, Fahrzeiten in Bus und Bahn etc.
- Zeit, die Du auf Tätigkeiten verwendest, die bei genauem Hinsehen nicht wichtig sind – in der Küche die letzte Schublade gründlich putzen, den neuesten Beautytrends minutiös hinterher eifern, Kinderunterhosen bügeln…
Ausnahme: Wenn diese Tätigkeit Dich glücklich macht und einen für Dich wichtigen Zweck erfüllt, dann mache mehr davon! - Wartezeit während des Kindersports, der Ergotherapiestunde, also Kurse oder Einheiten, zu denen Du DeinE KindEr bringen musst, aber selber nicht dabei bist.
Es ist kein Naturgesetz, dass Eltern währenddessen im Flur sitzen und auf Tiktok starren müssen. Ich persönlich gehe während des Kindersports auch joggen – und hinterher sind wir gemeinsam verschwitzt. - Zuhause kannst Du Dir kleine Zeitfenster etablieren: Die Kinder hören eine Folge „Benjamin Blümchen“, und Du machst, was Dir guttut – bei Notfällen bist Du direkt in der Nähe verfügbar. Vermutlich ist jedoch der „Notfall“, dass die Geschichte zu Ende ist.
Schritt 6: Alte Hobbies klein beginnen
Was kannst Du in den kurzen Zeitfenstern wirklich anfangen? Klar, eine Folge „Benjamin Blümchen“ ist kein ganzer Nachmittag – aber immerhing eine gute halbe Stunde!
Hier ein paar Fragen zur Inspiration:
- Was entspannt Dich wirklich?
- Was macht Dir wirklich Spaß?
- Was wolltest Du schon immer lernen?
- Wie steht es um Dein Seelenleben? Innere Arbeit?
Deine „alten“ Hobbies benötigen lange Zeitfenster am Stück?
Die Alternative zum Hobby-vergessen ist: Kleinskalieren und wieder anfangen. Finde heraus, was an Deinem Hobby das Grundlegende war und was es ausgemacht hat.
Beispiele: Vermutlich wirst Du alleinerziehend mit Kleinkind keine (häufigen) Segeltörns machen können. Aber Du kannst Dich mit Menschen umgeben, die das tun. Dem Kind die Freude am Draußensein zeigen. Die Ausrüstung. Oder das intensive Sporttraining, das wird vermutlich noch warten müssen. Aber eine Minieinheit auf der Waldwiese? Oder „Trockenbewegungen“ abends im Wohnzimmer? Oder Tanzen – notfalls eben abends alleine. Besser als gar nichts!
Natürlich ist das noch nicht das „Wahre“. Und es ist voll verständlich, wenn Du Deine Hobbies und das alte Leben vermisst. Doch unterschätze nicht den Spaß und die Glückshormone, die durch „Hobby light“ ausgelöst werden. Und kleine Zeitfenster für „Hobby light“ gibt es zuhauf.
Multi-tasking rockt – nicht.
Multi-tasking ist eine Falle für Dein Gehirn:
Wenn wir mehrere Dinge auf einmal machen, fühlen wir uns produktiv und fleißig. Tatsächlich können wir jedoch nicht mehrere Aufgaben wirklich gleichzeitig ausführen. Es ist eher ein Hin- und Herschalten der Aufmerksamkeit im Gehirn – und bei jedem „Szenenwechsel“ im Gehirn geht Energie für den Wechsel drauf.
Ergebnis:
Wir sind hinterher angestrengter, als wenn wir die Aufgaben nacheinander erledigt hätten. Außerdem sind die Aufgaben in den meisten Fällen weniger gut erledigt. Beim Toilettenputzen vielleicht vernachlässigbar. Aber wenn Du schon mal multi-tasking-mäßig für einen Urlaub gepackt hast und später händeringend etwas Wichtiges suchst, weißt Du, warum konzentriertes Single-tasking sinnvoll ist.
Also: Multi-tasking ist nicht zu empfehlen.
Außer bei ganz automatisierten Tätigkeiten (Toilette putzen, zu Fuß gehen, atmen..).
Und sogar bei solchen Tätigkeiten gewinnst Du, wenn Du Dich voll drauf konzentrierst: Raumlassen für Rumschauen, Bauch fühlen, Füße spüren und was sich noch so einstellt. Achtsamkeit heißt das auch.
Schritt 7: Freizeit mit den Kindern zusammen
Zeit mit dem Kind/ern muss nicht zwangsläufig nur Zeit FÜR die Kinder sein – sondern kann auch für Dich interessant und erfreulich sein.
Es ist wichtig, dem Kind zeigen, dass Du ein Individuum mit Hobbies bist. Und dass es gut ist, sich für etwas zu interessieren! Dass die Kinder sehen, dass Eltern eben nicht nur arbeiten, putzen, helfen, pflegen. Sondern dass ein Elternteil ein Mensch ist, der manchmal richtig viel Spaß hat.
Klar, wenn Du Dein Kind in Dein Hobby einbindest, muss es in weitestem Sinne kindgerecht sein – oder eine Kinderbeschäftigung parallel zu Deiner Aktivität möglich sein.
Die „Für Dich – für mich“-Verhandlung
Der folgende Tipp für gemeinsame Freizeit ist aus einer Episode des Podcastst eltern-raten-eltern-forum.de mitgenommen. Ich nenne ihn die „Für Dich – für mich“-Verhandlung:
Wenn eine Freizeitaktivität im Raum steht, die für mich aus einem Grund nicht super-duper-megatoll ist (Indoorspielplatz!), aber für mein Kind wichtig – dann sage ich zu und unterstütze mein Kind – „ich mache das gerne für Dich“.
Wir besprechen aber vorher, dass es für mich nicht so toll ist und ich es vorrangig für mein Kind mitmache. Das ist nicht, um ein schlechtes Gewissen und Erpressbarkeit vorzubereiten, sondern um Verständnis zu wecken, dass ich nicht strahlend zu 100 % mitmache. Oder eben – das ist der „für mich“-Teil – mit einem Buch und Kaffee daneben sitze. Und dass es mir dabei gut geht, und mein Kind in vollen Zügen genießen darf.
Im Podcast führt eine Mutter das Beispiel Spaßbad an: Sie findet Schwimmbäder zu anstrengend. Weil die Kinder aber noch nicht alleine hingehen können, geht sie mit – und der „für sie“ Teil ist, dass das Abduschen, Einpacken und Wegfahren zack-zack geht.
Wir sind Vorbilder für den Typus „Eltern“.
Nicht zuletzt leben wir als Ein-Eltern unseren Kindern auch den Prototyp „Eltern“ vor.
Wenn das Kind täglich wahrnimmt: Mein Vati, meine Mami muss die ganze Zeit arbeiten/aufräumen… dann muss die Schlussfolgerung sein: „Es ist ja schrecklich, ein Elternteil zu sein! Die spielen ja nie!“
Was sieht Dein Kind von Dir als Mensch?
Haben Deine Kinder die Gelegenheit, Dich in Freizeit zu sehen oder wissen von Deinen Hobbies?
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