Alleinerziehend sein – wie sollst Du das bloß schaffen? Bist Du kurz davor alleinerziehend zu sein? Oder gerade an einem Tiefpunkt mit Deiner Ein-Eltern-Familie?
Viele Menschen, vor allem Frauen sind alleinerziehend. Der Alltag ist deutlich anders als Elternschaft in einer Paarbeziehung. Anstrengender als in einer glücklichen Elternbeziehung. Ich finde aber ganz eindeutig:
Alleinerziehend sein ist auf jeden Fall besser als Elternschaft in einer unglücklichen oder unausgewogenen Elternbeziehung.
Hier kommst Du zum Beitrag zu den Vorteilen des Alleinerziehend seins. Und hier zu den Vorteilen, die Kinder in Ein-Eltern-Familien haben können.
Im Folgenden findest Du neun Herausforderungen des Alleinerziehend seins und mögliche Erleichterungen dazu.
Herausforderung Nr. 1: Der Mental load ist bei Alleinerziehenden enorm.
Du hast die volle Verantwortung und musst alle Entscheidungen treffen. Alle Lebensbereiche, Alle Tage, Alle Kinder, Alle Mahlzeiten, Alle Urlaube. Alles hängt an Dir. Der Mental load ist extrem hoch. Was Du nicht im Kopf hast, wird vermutlich vergessen. Und was Du brauchst, darum musst Du Dich auch selber kümmern.
Morgens beim Austehen beginnt es schon: Du als Familienoberhaupt triffst die Entscheidungen. Vermutlich nimmst Du es überhaupt gar nicht wahr, doch alleine bis Ihr morgens aus der Haustür seid, hast Du schon tausende kleine Entscheidungen getroffen:
- Welches Frühstück, welches Getränk, …
- Soll das Kind sich selber anziehen oder helfe ich noch kurz?
- Was ziehe ich an?
- Was müssen wir noch mitnehmen?
- Was will mein Arbeitgeber heute von mir?
- Um wieviel Uhr müssen wir los?
- Wie reagiere ich auf diesen ganz dringenden Wunsch von meinem Kind, im Regen die Sandalen anzuziehen?
Ich stelle mir meine Entscheidungskraft vor wie einen dieser leckeren italienischen Tartufo. Diese mehrschichtigen leckeren kugeligen Nachtische, die man andächtig von Außen mit einem Löffel abkratzt – ein Nachtisch-Traum-Wahnsinn. Wenn ich morgens aufwache, ist mein Hirn-Tartufo unbeschädigt, völlig kugelrund. Dann kommt der Alltag und kratzt hier und da was ab. So geht das den ganzen Tag, jede Entscheidung, die ich treffe, kostet mich Hirn-Tartufo, also Entscheidungskraft. Und die Entscheidungsmüdigkeit ist auch der Grund, warum ich abends manche Dinge nicht mehr entscheiden kann. Und wieso Du nach Kinderbettzeit einfach nicht mehr die Kraft hast, social media auszumachen – weil Du auch dafür Hirn-Tartufo, äh, willentliche Entscheidungskraft brauchst!
Das kann Dir im Deinem Alltag helfen:
- Leben vereinfachen: Mach es Dir einfacher, wo immer es geht.
- Routinen: Unter der Woche immer das gleiche Frühstück, gleiche Zeit fürs Schuheanziehen etc.
- Vordenken: Abends für den Morgen vorbereiten, sonntags die kommende Woche durchgehen und das Nötige organisieren. Putzplan, Essensplan und andere gute Freunde.
- In der Woche ein ruhiges Zeitfenster für Planen und Organisieren vorsehen. Bloß nicht Abends versuchen, wenn Dein Hirn-Tartufo = Entscheidungskraft aufgebraucht ist.
- Delegieren – an andere Leute und vor allem an einen guten Kalender – damit Dein Hirn mal was vergessen darf.
- Ansprüche senken: Alleinerziehend mit kleinen Kindern sein – das ist schwer. Entscheide, in welchen Lebensbereichen Du in dieser Zeit mal nur Mittelmaß sein magst.
Das ist sogar gut daran:
Du kannst viele oder gar alle Entscheidungen treffen! Du kannst Euer Familienleben gestalten!
Herausforderung Nr. 2: Du musst für die Kinder alle Rollen ausfüllen, wenn Du alleinerziehend bist.
Und kein Anderer übernimmt. Du tröstest und hörst zu, fängst auf und sortierst Gefühle. Du erklärst und beantwortest und reparierst und cremst ein und bringst bei und findest Lösungen. Du weißt, wann die Kinder in Ruhe gelassen werden wollen und Du merkst, wann die Ruhe trügerisch ist und merkst auch, wenn die Ruhe schon leises Weinen ist. Du bist Vorbild, lebst Deine Gefühle, spürst Deine eigenen Grenzen und führst gleichzeitig die Familie. Du ermahnst und erinnerst an gemeinsam verhandelte Regeln, guckst absichtlich streng und wirst gelegentlich laut, wenn etwas aus dem Ruder läuft und Grenzen überschritten werden. Du bist liebe- und verständnisvoll, lustig, albern und immer bereit zum Vorlesen. Puh. Du bist eine menschliche eierlegende Wollmilchsau mit eingebauter Vorleseautomatik und unendlicher Geduld. Dabei ist völlig, also wirklich schei**egal, wie es Dir selbst in dem Moment geht. Das ist die echte Familienarbeit, die härteste: Da sein und aktiver Elternteil sein, wenn Du eigentlich selbst nicht kannst. Wenn es Dir nicht gut geht, der Tag lang war, der Kopf brummt, der Einkauf noch nicht mal ausgepackt ist, Du dringend auf Toilette musst – und das Kind in Tränen aufgelöst oder wütend bis in die Haarspitzen ist oder Beides zu gleich. Oder verschiedene Kinder verschiedene Krisen erleben. Dann bist Du dran, weil Deine Kinder Dich brauchen, und niemand anders springt Dir zur Seite. Un-gehört der Satz: „Schatz, ich übernehme, geh Du Dich kurz ausruhen“.
Das könntest Du bitter finden. Oder positiv: Kein Partner, der sich einmischt, keine Notwendigkeit, rum zudiskutieren.
Unterstützen kann Dich dabei:
- Realistisch bleiben: Kinder begleiten ist anstrengend. Du schaffst nicht immer alles zugleich. Niemand tut das!
- Anerkennen, dass das richtige Arbeit ist und Dir hinterher Erholungszeit gönnen. Und das den Kindern auch mitteilen: „Puh, das Streiten eben war richtig anstrengend für uns alle, oder? Gut, dass wir uns vertragen und eine Lösung gefunden haben. Ich bin echt müde. Ich lege mich kurz 10 Minuten auf’s Bett. Danach mache ich für uns Abendessen.“
- Hilfe erfragen und annehmen und die Gewissheit, dass nicht alle Bedürfnisse Deiner Kinder zuhause gestillt werden müssen. In Kindergarten, Schule und Freundeskreis wird auch Einiges vorgelebt und erfüllt.
- Priorisieren lernen – in obigem Beispiel zuallererst selber auf Toilette gehen. Und dann Kinder trösten. Und viel später den Einkauf ausräumen.
- Alltag vereinfachen, wenn es hart wird. Viel Pufferzeiten und Leerlauf einplanen.
- Viel Selbstreflexion und innere Arbeit
- Kurse machen zum Verständnis, wie das kindliche Gehirn tickt; z.B. auf Udemy oder einer anderen Kursplattform
- Laut üben, wie Du es das nächste Mal anders machen willst, wenn es dann doch mal schief geht.
- Abends Dir selber verzeihen und anerkennen, das Du Dir Mühe gibst.
- Dich selber loben und belohnen: Du gibst Dein Bestes!
Das Gute daran:
Du wächst hinein und übst. Jede Krise kommt so oder ähnlich wieder (toll, oder?). Du wirst mal so reagieren, wie Du es nicht wolltest. Das machst Du nächstes Mal dann besser. Oder anders ungeschickt…
Du wirst emotional deutlich biegsamer, als Du es je gedacht hättest.
Dadurch wirst Du Dir Deiner Werte klarer. Und Du wirst die ganze Liebe Deiner Kinder ernten.
Herausforderung Nr. 3: Als Single-parent musst Du die ganze Arbeit alleine erledigen.
Damit meine ich nicht das Trösten oder Entscheidungen treffen und organisieren, sondern die ganze körperliche Arbeit. Waschen, putzen, aufräumen, Einkäufe heranschleppen. Meine unliebsamsten Tätigkeiten: Hochbetten neu beziehen und Schuhe putzen.
Das kann Dir helfen:
- Leben deutlich vereinfachen (ausmisten, Routinen finden, z.B. weniger schwere Getränke kaufen)
- Deine Ansprüche verringern – zumindest zeitweise, bis Du wieder mehr Kraft hast.
- Delegieren – vor allem an Kinder und Bestelldienste
Das Gute daran:
Du kannst Dein Zuhause jetzt genau so haben, wie Du es willst. Dein Bettzeug hat Deinem Partner nicht gefallen? Jetzt völlig egal. Mach’s Dir schön, so wie DU willst.
Oder Deine Art zu kochen hat Deinen Partner genervt, und ihr habt Euch über das richtige Öl/Gewürz/… gestritten? Pech für ihn (oder sie). Du nimmst jetzt das Öl, das gerade da ist. Zack, fertig.
Herausforderung Nr. 4: Alleinerziehend = Geldsorgen oder zu wenig Zeit mit den Kindern. Oder Beides.
Weil Dein Einkommen die Hauptstütze Deiner Familie ist, liegt Geldknappheit nahe. Es gibt eine Reihe staatlicher und kommunaler Zuschüsse, aber Geld wird immer ein Thema bei Dir sein. Nicht nur bist Du die einzige Einkommensquelle, sondern auch die einzige erwachsene Person, die den Haushalt erledigt – also ist auch die freie Zeit knapp. Wenn Du zusätzlich in der glücklichen Situation bist, dass die Kinderbetreuung Dir längere Arbeitszeiten ermöglicht, wirst Du im Zwiespalt landen, dass Du die Kinder täglich nur wenig und dann nur im müden Zustand siehst – dann hast Du weniger Geldsorgen, aber zuwenig Familienzeit.
Mir fällt immer wieder auf, wie dieselben Fragen bei mir auftauchen: Soll ich mich jetzt hetzen, damit ich vor Kinder-Abholung schnell noch alleine einkaufen/das Bad putzen etc. kann? Aber ich will den Kindern nicht vorleben, dass sich die Wohnung wie magisch von selbst regelt, sondern sie sollen nach und nach im Haushalt eingelernt werden. Andererseits ist es soviel schneller, es alleine und konzentriert zu erledigen. Und wann habe ich eigentlich Freizeit?
Das hilft:
- Kümmer Dich um Deine Finanzen, nimm sie ganz aktiv in die Hand.
- Nutze Putzplan und Essensplanung, um den Alltag zu vereinfachen.
- Lasse Dir Lebensmittel, die Ihr regelmäßig braucht, liefern.
- Binde die Kinder altersangemessen in Haushaltsaufgaben ein.
- Vereinfache das Alltagsleben und vor allem: miste aus. Minimalismus hieß der Trend, aber die Wirkung hält an: Weniger Kram = weniger Arbeit & weniger Ausgaben.
Herausforderung Nr. 5: Alleinerziehend bist Du immer alleine (= mit der Verantwortung), aber Du bist selten alleine (= mit Deinen Gedanken).
Hier geht’s nicht um tolle Freizeit für Deine Hobbies, sondern um die fehlende Alleinezeit, in der Du einfach konzentriert arbeiten oder denken kannst. Ausgedehnt raffiniertes Essen kochen? Konzentriert die Einkäufe auspacken? Vergiss es.
Mögliche Lösungen:
- Je älter die Kinder werden, desto einfacher werden Absprachen und kleine Familienlösungen: Kinder dürfen Hörspiel hören mit Kopfhörern. Oder sitzen mit dem Hörspiel im Schlafzimmer. Oder Du hast Ohrstöpsel drin, während sie spielen – bitte ihnen vorab sagen.
- Kinderbetreuung ausreizen und Dir zwischen Jobschluss und Abholen mal eine halbe Stunde Ruhe gönnen.
- Um kleine Hilfen bitten: Die Nachbarin mit den Hunden, die anderen Kinder im Haus, Freunde mit Kindern etc., damit Du mal eine halbe Stunde alleine bist. In den meisten Fällen ist die Hilfestellung für den Helfenden geringe Mühe, aber für Dich die Erleichterung massiv.
- Unbedingt: Die Kinder zumuten, kleine Probleme selber zu lösen. Nicht sofort auf alle „Mamiii“-Rufe reagieren.
- Und ganz wichtig: Störe kein konzentriertes Kind!
Ganz realistisch: Dein Alltag wird kleinteiliger, nicht so schlimm wie in der Stillzeit, aber vergleichbar. Du wirst Dich dran gewöhnen. Mit jedem Entwicklungsschritt Deines Kindes werden die ungestörten Zeitfenster länger.
Während ich diese Zeilen schreibe, ist es 7:00 Uhr morgens, der Kindergarten hat noch geschlossen. Ich sitze auf dem Sofa, mein Kind kniet neben mir und puzzelt und singt und wackelt rum. Kann ich tief konzentriert tippen? Nein. Kann ich meine wichtigsten Ideen aufschreiben? Ja.
Herausforderung Nr. 6: Alleinerziehende haben fast keine oder sehr unregelmäßige Freizeit.
Unter der Woche hast Du kaum tägliche Freizeit – aber wenn die Kinder beim anderen Elternteil sind (Szenario: Sie sind beim Wochenende-Papa), bist du plötzlich komplett alleine. Klingt gut, aber es ist eine Umstellung. Nicht selten fühlen sich die kinderfreien Stunden dann ganz seltsam an – und gar nicht so genießerisch. Denn was genau waren noch mal Deine Hobbies?!
Dazu kommt, dass Du Dich aktiv um Verabredungen an Deinen freien Tag kümmern und Dich bei Freunden in Erinnerung bringen musst – weil die ja gewöhnt sind, dass Du eh keine Zeit hast!
Je nach Betreuungsmodell und wieviel Zeit der andere Elternteil mit den Kindern verbringt, kann das bei Dir auch anders sein oder mit der Zeit entwickeln. In jedem Fall: Freizeit wird rar.
Das hilft:
- Alte Hobbies „im Kleinen“ am Leben halten: Die Nase in ein Angelbuch stecken, wenn Du früher viel Angeln warst. Ein bisschen zeichnen, wenn Du früher große grafische Arbeiten gemacht hast.
- Eure Familienfreizeit nicht komplett an den Interessen der Kinder ausrichten, sondern auch mal an Deinen.
- Zeitfresser bei Dir finden und abschalten. Ich sage nur: Fernsehen, social media, Online-Shopping. Du kennst Deine Zeitfresser sicherlich selber.
Herausforderung Nr. 7: Du wirst Dich einsam und vergessen fühlen.
Obwohl Du kaum alleine bist, bist Du häufig einsam – als erwachsene Person, mit Deinen Gedanken und Wünschen und Interessen. Erst als alleinerziehender Elternteil merkst Du, wie sehr die Gesellschaft, die Betreuungsstrukturen, Veranstaltungen etc. auf Mehr-Eltern-Familien zugeschnitten sind. Elternabende, Abendvorträge, Partyeinladungen, Feiertage, Wochenenden, Ferien, Urlaube – viele Zeitfenster und die Vorstellungen, wie die Feste gefeiert werden, sind für Alleinerziehende einfach nicht machbar. Weil die Kinder nicht betreut sind. Weil die Kinder essen und ins Bett gebracht werden wollen. Weil Du nicht so viel Kraft hast, mit den anderen Mehr-Eltern-Familien mitzuhalten. Und erst recht nicht so viel Geld.
Du musst viel Kraft in Kontakte für Freizeit und Gesellschaft organisieren. Vor allem an Feiertagen, Wochenende und in den Ferien.
In Ferienzeiten kann Dir auffallen, dass es gar nicht so entspannend ist, so viel freie Zeit mit Deinen Kindern zu haben:
- Weil sie Beschäftigung und doch ab und zu „Programm“ brauchen. Einen ganzen Tag Lego bauen, das geht. Eine ganze Woche Lego bauen, das geht nicht.
- Weil Kinder nur mit Kindern so gut toben wie Kinder eben toben. Selbst die sportlichste Alleinerziehende hat auf Dauer andere (Bewegungs-)Bedürfnisse als ihre Kinder.
In Zeite von Kindergarten- und Schulroutinen ist das aus meiner Sicht nicht so auffällig. Da läuft der Laden, weil alle Familien beschäftigt sind. Die Kinder treffen sich in KiTa und Schule, Zuhause ist der sichere Hafen. Besonders zu Feiertagen und Ferienzeit aber fällt dann auf: Du und Deine Ein-Eltern-Familie fällt aus dem Raster, werdet fast unsichtbar: Am Wochenende ziehen sich die meisten in ihre Kernfamilien zurück, an Feiertagen und in den Ferien erst recht. In den Ferien machen andere Familien Urlaub mit der zwei Einkommens-Power. Wir Alleinerziehenden nicht.
Was tun? Mögliche Lösungen:
- Versuche, Gleichgesinnte zu finden. Andere Familien, die in den Ferien zuhause bleiben. Andere Ein-Eltern-Familien, mit denen ein gemeinsamer Urlaub für Alleinerziehende denkbar ist.
- Werde laut! Erzähle es Deinen Freunden, die in Mehr-Eltern-Familien leben. Teile diesen Beitrag mit ihnen. Jeder lebt eben sein Leben, und es ist nicht böser Wille, dass Deine Eltern-Familie rund um Weihnachten „hinten runter“ zu fallen scheint.
- Akzeptiere: Wochenenden und Ferien sind für Dich keine Erholungszeit. Ich habe verstanden, dass Urlaube für mich anstrengend sind, weil ich noch weniger Unterstützung als im Alltag habe. Deshalb hüte ich meine kleinen Pausenzeiten im Alltag, und habe stattdessen an die Ferienzeiten die Erwartung: „Wird stressiger als Alltag, aber zumindest erleben wir was“.
- Wähle gezielt aus, mit wem Du Dich vernetzt. Versuche, in Kontakt mit anderen Familien und Freunden zu bleiben. Aber überhebe Dich nicht in dem Wunsch, Verabredungen mit anderen Familien zu treffen, vor allem für Deine Kinder.
- Strategisches Netzwerken: Suche Gemeinschaften außerhalb von Kindergarten und Schule, die Kinder auch an freien Tagen einbeziehen. Vielleicht auch erst, wenn Deine Kinder älter sind. Damit meine ich nicht große Sportvereine, die einmal wöchentlich Training anbieten. Denke eher an: Kirchengemeinden, KJG, Pfadfinder, Feuerwehr, THW, Umweltschutzgruppen, Bergwacht und Alpenverein etc.
- Bereite Dich konkrete für freie Tage vor: Wo gibt es bei Dir oder im Urlaubsort Veranstaltungen und Gelegenheiten, an denen Deine Kinder kurzzeitige Tobe- und Spielfreundschaften schließen können – und Du im Idealfall auch? Spielplatz, klar. Denk auch an: Straßenfest, Spielstraßeneinweihung, Feuerwehrfest, Liveband, Minifestival, Jongliershow im Park, jegliche Wasserspiele, Brunnen und Fontänen. Geht hin mit schön viel Zeit und halte durch die erste Langeweile-Phase hindurch aus.
- Resignier auch mal: Es wird langweilige, für Dich sogar einsame Tage geben. Es wird Sommer mit täglich Freibad bzw. Herbst mit täglich Spielplatz und abends Nudeln geben, weil sonst nichts los und kein Freund da ist. Wenn Du die Kraft hast, kannst Du ja im Freibad versuchen, neue Freunde zu finden. Oder einfach Podcast hören, während Du die Kinder im Sandkasten beobachtest.
Herausforderung Nr. 8: Du wirst die Erwartungen Anderer kaum erfüllen können.
Von allen Seiten regnen Erwartungen auf Dich herab. An Dich als Person, als ArbeitnehmerIn, als FreundIn. An Dich als Mutter oder Vater stellen Deine Kinder Ansprüche, aber auch viele andere Menschen, bekannt oder nicht bekannt. Auch an Deine Kinder werden Erwartungen gestellt, und Du bist noch einige Jahre stellvertretend für die Erfüllung zuständig. Und als Alleinerziehende musst Du meiner Erfahrung nach ebenso viele Erwartungen erfüllen wie Mehr-Eltern-Familien, wenn nicht sogar mehr.
Ausgesprochene Erwartungen sind die einfachsten: „Die Kinder müssen um 8 Uhr in der Schule sein“, „Ihre Schicht beginnt um 9:30 Uhr“, „Die Miete ist zum 1. des Monats zu überweisen“.
Dann gibt es noch die große Masse der unausgesprochenen Erwartungen. Von Familienmitgliedern, Freunden oder anderen Familien. Oder ganz Fremden. Dass Du oder Deine Familie sie enttäuscht, das merkst Du erst im Nachhinein. Anhand bissiger Kommentare, eigenartiger Blicke oder einer unangenehmen Atmosphäre. Oder schleichender Verlust von Freundschaften ohne klare Gründe. Häufig kannst Du nur mutmaßen, worum es eigentlich ging. Eine schreckliche Einladung an Selbstzweifel, Grübeln und unruhige Nächte.
Hinzu kommen vielleicht noch Deine eigenen unausgesprochenen oder ungeprüften Erwartungen, z.B. „Mein Wohnzimmer soll sein wie dieses Bild auf Pinterest“, „Ich sehe jeden Tag hübsch aus“, „meine Kinder sind sauber angezogen“.
Kannst Du alle Erwartungen erfüllen – und willst Du das überhaupt?!
Mögliche Auswege:
- Definiere selber Deine Werte, finde Euer eigenes Genug!
- Vergleiche Euch nicht mit anderen Familien. Lass Dich durch gute Impulsen aus anderen Familien inspirieren, aber vergleich Euch nur mit Eurer Version von letzter Wochen, nicht mit anderen Menschen.
- Übe klarere Kommunikation. Frage nach, sobald sich etwas komisch anfühlt oder Du Unsicherheit wahrnimmst: „Wie stellt ihr den Urlaub genau vor?“, „ist es für Euch okay, wenn wir um x Uhr abreisen“ oder einfach: „ist alles in Ordnung?“. Wenn Dir das schwerfällt: Überleg Dir, wieviel Gegrübel Du Dir selber dadurch sparen könntest.
- Finde Trotz und Stolz in Dir: Wer an Dir, Deinen Kindern oder Eurer Familie rumkritisiert oder Missfallen signalisiert, soll es erst einmal selber besser machen. Oder mithelfen!
- Entscheide selber ganz aktiv, wessen weitere Erwartungen Du erfüllen möchtest. Am Egalsten kann Dir die unpersönliche, unklare, vage „Gesellschaft“ sein, alles, was man so landläufig daher geredet hört: „was man nicht tut“, „das gehört sich nicht“, „das war schon immer so“, „Kinder sollten immer….“.
- Reagiere auf ausgesprochene Erwartungen, die Du nicht erfüllen kannst. Ohne Scham, ohne Entschuldigung, sondern ganz sachlich. Gib Rückmeldung und schütze damit Deine Grenzen: „Dafür habe ich im Moment keine Zeit.“ „Ich komme gerne zum Elternabend. Wo findet die Kinderbetreuung statt?“ „Der Vortrag klingt echt interessant. Schicken Sie mir bitte den Zoomlink.“ Zugleich trägst Du damit dazu bei, dass das Bewusstsein für Diskriminierung von Ein-Eltern-Familien wächst.
- Sieh es in der großen Perspektive: Deine Kinder wachsen und verändern sich. Was heute, dieses Jahr, in dieser Kinder-Phase einfach nicht hinhaut, ist vielleicht in ein paar Jahren möglich.
Das Gute daran: Du machst Dir so richtig bewusst, warum Du so lebst wie Du lebst und ob Dir das eigentlich gefällt. Du kannst es entweder für Dich als Elternteil entscheiden und Deinen Kinder vorleben. Oder Ihr entscheidest es gemeinsam für Eure Ein-Eltern-Familie: Wie wollen wir es haben? Wie feiern wir eigentlich Weihnachten? Wie geht Ostern bei uns? Das Ergebnis: Ein authentisches Elternteil, gemeinsam gestaltetes Familienleben und ernst genommene, stolze Kinder.
Herausforderung Nr. 9: Alleinerziehend – Du wirst erschöpft und überfordert sein.
Ich möchte gerne glauben, dass jeder Elternteil ab und zu überfordert ist, der ehrlich mit sich ist. Nach meiner Erfahrung sagt es leider nur niemand laut. Oder erst, wenn ich berichte, dass gerade Chaos bei uns in der Wohnung und bei mir im Kopf herrscht. Dann gibt’s auch die Eltern, die zwar sagen, dass das Leben gerade zuviel ist, aber dabei nach Außen so proper und organisiert und fröhlich wirken, dass ich mir ganz unzulänglich vorkomme.
Ich bin manchmal überfordert. Häufig, wenn meine Routinen durch Krankheit oder Urlaubszeite durcheinanderkommen und dann noch etwas anderes Großes hinzukommt: Große Arbeit oder große Gefühle. Nach ein paar Tagen merke ich: Ich finde keine Ruhe mehr, der Humor geht flöten und Spaß macht der Alltag schon lange nicht mehr. Ich werde gereizt und ungeduldig, und zuhause kehrt Streit ein.
Was dann helfen kann:
- Anerkennen: Ich habe gerade zu viel auf einmal zu tun.
- Vereinfachen: Euren Alltag, Eure Woche, Eure Wohnung. Die – meiner Meinung nach – beste und allererste Nothilfe ist leider zur Zeit unbeliebt und uncool: Auf Pause drücken und das Leben vereinfachen. Keine dreifachen Verabredungen treffen. Nichts vorhaben. Nichts kaufen. Nicht „Wir schreiben uns noch mal“. Einfach zuhause sein, Lego spielen, puzzeln, Joghurt mit Apfelmus essen und früh schlafen gehen. Raffinierter und voller kann es wieder werden, wenn Du Dich gefangen hast.
- Hilfe holen
- Priorisieren lernen
- Delegieren
Das Gute daran: Du entwickelst Dich persönlich weiter und lernst massiv dazu. Deine Kinder lernen von Dir. Du schaffst am Ende deutlich mehr als Menschen in Zwei-Eltern-Familien!
Das sind neun Herausforderungen, die ich in meinem Ein-Eltern-Alltag erlebe.
Immer wieder, trotz mittlerweile jahrelanger Erfahrung. Manchmal als Problem, manchmal fast wertfrei als Besonderheit meines Lebens als Alleinerziehende. Was mich dabei trägt:
Ich finde viele Vorteile im Alleinerziehend sein:
Zum Beispiel: Ich bin frei in meiner eigenen Entwicklung.
Ich bin (fast) frei in der Gestaltung meiner Familie – welche Atmosphäre, welche Regeln, welche Ausnahmen.
Hier kommst Du zum Beitrag zu 11 Vorteilen des Alleinerziehend seins.
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